Was hat sich in deinem Leben durch dein Coming Out verändert?

Alma: Die Vermutung der Therapeutin über meine eigene Betroffenheit überrumpelte mich und ließ mich schwer an der Diagnostik zweifeln, ja ließ sogar den Verdacht über eine Verwechslung meiner Person zu. Es war ein langsamer Akzeptanz-Weg meiner Hoch X-Themen. Die finale Akzeptanz und das Wissen um meinen Bezug dazu erlebte ich als eine Art Wiedergeburt. Plötzlich war glasklar, warum ich so denke und fühle, wie ich denke und fühle. Endlich verstand ich mich und mein Leben viel besser. Ich konnte mich neu sammeln und für mich selbst persönlich wie beruflich ganz neu sortieren und fokussieren. Ein Coming-Out hat es nur für mich selbst gegeben und im ganz kleinen Kreis. Überraschend für mich war, dass außer mir sonst keiner von meinen Hoch-X-Themen überrascht war. Ein sog. Coming Out in größeren Kreisen oder unter Kollegen außerhalb der Fachschaft händle ich mit äußerster Vorsicht. Viele Menschen sind ganz einfach un- oder desinformiert – speziell zum Thema Hochbegabung – und könnten falsche Rückschlüsse ziehen.

Eva: Meine Sicht auf mich selbst. Mein Selbstwertgefühl, meine Selbstakzeptanz, mein Selbstverständnis. Es ist ein langer Prozess. Doch inzwischen fühle ich Frieden in mir. Ich darf so sein wie ich bin. Ich fange an, meine ganzen Facetten auszuleben und zu genießen, statt mit mir selbst zu hadern. Und ohne mich vor anderen zu rechtfertigen. Ich begreife meine Vielbegabung inzwischen tatsächlich als eine Gabe, für die ich dankbar bin.

Johanna: Ich wurde ruhiger und gelassener. All die Energie, die zuvor in Korrekturversuche meiner vermeintlichen Fehler floss, wurde auf einmal freigesetzt und ich habe festeren Boden unter den Füßen als jemals zuvor. In mir wuchs ein tiefer innerer Frieden und mehr Selbstliebe aus der Erkenntnis: ich bin richtig so wie ich bin. Auch mein beruflicher Weg wurde klarer. Im Außen änderte sich gar nicht so viel, außer der Coachausbildung und beruflichen Umorientierung. Ach, und den regenbogenfarbenen Haaren, die ich seit einigen Jahren trage …

Antje: Dadurch, dass ich immer schon als intelligent wahrgenommen wurde, gab es bei mir kein richtiges Coming Out. Viel wichtiger war für mich persönlich die Bestätigung durch den Mensa-Test, dass ich kein Streber bin, sondern mir intellektuelle Leistungen einfach leicht fallen. Über die Erkenntnis der Hochsensibilität und vor allem Hochsensitivität bin ich mir gegenüber viel achtsamer geworden. Das hat zu sehr viel mehr innerer Ruhe, Klarheit und Selbstliebe geführt.