Hochbegabung und Gerechtigkeit

Dieser Artikel müsste eigentlich Hochbegabung und GerechtigkeitsSINN heißen, denn darum geht es mir: Aus meinen vielfältigen Erfahrungen mit „offiziell anerkannt“ Hochbegabten, die eigene Begabung Negierenden, gelöst hochbegabt Durchstartenden und fleißigen, von ihrer Begabung losgelöst Lebenden hat sich für mich der stark ausgeprägte Gerechtigkeitssinn als ein sehr zuverlässiges Merkmal für eine hohe Begabung erwiesen.

Was bedeutet Gerechtigkeitssinn?

Dabei ist zunächst wichtig, was wir überhaupt unter Gerechtigkeit und Gerechtigkeitssinn verstehen. Welche Entscheidungen, Handlungsweisen und Zustände im Einzelnen gerecht sind, wird dabei natürlich auch von einzelnen Hochbegabten ganz unterschiedlich beurteilt. Grundlage für solche Beurteilungen sind die eigenen Wertmaßstäbe, die durch die Persönlichkeit, Erziehung und biographische Erfahrungen geprägt werden. Bei dem einen Hochbegabten kann der Leistungsgedanke, bei dem anderen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung, bei einem weiteren Fleiß und Freundlichkeit das Fundament der individuellen Gerechtigkeitsvorstellungen bilden.

Bestimmte Axiome – alle Menschen sind gleich viel Wert, Tiere haben die gleichen Rechte wie Menschen, Fleiß und Anstrengung müssen belohnt werden, usw. – sind Grundlage für daraus abgeleitete Prinzipien, anhand derer sich bestimmen lässt, was richtig und was falsch ist. Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn zeichnet sich also dadurch aus, dass überhaupt bewusst solche Axiome gebildet und aus ihnen dann auch logisch konsequent entsprechende Prinzipien abgeleitet werden, sowie dass diese Prinzipien dann auch unterschieds- und ausnahmslos im Alltag auf die eigenen Entscheidungen und Handlungen und zur Beurteilung der Handlungen anderer angewendet werden.

Das klingt für dich jetzt wie eine etwas hölzern-überflüssige Theorie, mit der ich Selbstverständliches beschreibe? Dann verfügst du höchstwahrscheinlich über einen sehr starken Gerechtigkeitssinn, bist dir aber noch nicht darüber bewusst geworden, dass das für viele andere Menschen nicht in gleicher Weise gilt.

Genau das aber ist der Fall: Nur wenige Menschen machen sich die Grundlagen dessen, was für sie Gerechtigkeit bedeutet, bewusst und wenden die daraus folgenden Prinzipien auch konsequent an. Das heißt nicht, dass ohne eine solche Grundlage materiell ungerechte Entscheidungen getroffen werden – im Gegenteil, häufig führt das Gerechtigkeitsempfinden „aus dem Bauch heraus“ zu einer großzügigen, gelassenen, toleranten Handlungs- und Urteilsweise (wenn mensch mit sich im Reinen ist).

Nicht zu verwechseln ist der Sinn für Gerechtigkeit mit einer besonders hohen Sensibilität für ungerechte Zustände. Ein besonders hohes Gerechtigkeitsempfinden, insbesondere ein tiefes Mit-Leiden bei als ungerecht empfundenen Zuständen anderen gegenüber, kann ein Zeichen für Hochsensitivität sein.

Um es kurz zusammenzufassen: Unter Gerechtigkeitssinn verstehe ich, dass Handlungen, Entscheidungen und Bewertungen auf der Grundlage von logisch-stringenten Prinzipien getroffen werden, die aus axiomatischen, individuell-biographisch geprägten Wertvorstellungen abgeleitet sind.

Wie hängt der Gerechtigkeitssinn mit Hochbegabung zusammen?

Warum ist es gerade für Hochbegabte so besonders typisch, über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu verfügen? Das Merkmal wird zwar auch von vielen anderen Experten und in wissenschaftlichen Publikationen als typisch für Hochbegabte, insbesondere Kinder, genannt, bleibt dann selber aber etwas axiomatisch stehen. Wenn wir davon ausgehen, dass das menschliche Gehirn evolutionär gesehen danach strebt, logische Zusammenhänge zwischen dem, was es an Wahrnehmungen aufnimmt, herzustellen und daraus möglichst neue Erkenntnisse zu gewinnen, die in praktische Handlungen umgesetzt werden können, dann erscheint es mir recht naheliegend, dass genau das auch im Hinblick auf moralische Bewertungen passiert.

Im Klartext: Der Mensch als solcher strebt danach, „gut“ zu handeln. Um zu der Entscheidung zu gelangen, was „gut“ ist, kann sowohl auf Emotionen und Instinkte („ich mag diese Person, also sollte ich sie gut behandeln“; „ich habe Angst vor dieser Person, also sollte ich tun, was sie sagt“) oder eben auf Wertmaßstäbe („alle Menschen sind gleich, also sollte ich, wenn ich A so und so behandele, B genau so behandeln“) zurückgegriffen werden. Um solche abstrakten Wertmaßstäbe in konkrete Entscheidungen und Handlungen umzusetzen, muss das Gehirn naturgemäß mehr und schneller arbeiten, als das bei Emotionen und Instinkten der Fall ist.

Angelegte bzw. vorhandene Fähigkeiten streben aber immer danach, sich auszuleben und entwickelt zu werden: Wenn man so will, entwickeln also Hochbegabte, besonders als Kinder, einen stärker ausgeprägten Gerechtigkeitssinn als andere, einfach, weil ihr Gehirn die Zeit dazu hat, das neben allem anderen, was so erlernt werden muss, zu tun.

Jetzt kommt aber der Clou: Dadurch, dass die Gerechtigkeitsprinzipien, die mensch entwickelt, immer von den eigenen, biographisch geprägten Wertvorstellungen abhängen, sind sie natürlich fehleranfällig. Denn biographisch können sich sehr leicht auch negative Werte einprägen („Liebe zeigt sich in Gewalt“ bei Kindern, die von den Eltern Aufmerksamkeit überwiegend in Form von Beschimpfungen oder Schlägen erhalten; „Anpassung ist der höchste Wert“ bei Kindern, die zu ihren Begabungen weit überwiegend negatives Feedback erhalten; usw.!). Hieraus lassen sich zwar auch logisch korrekt Prinzipien ableiten, die zur Beurteilung von gut und böse genutzt werden können, sie gründen aber möglicherweise auf einer teilweise ungesunden Basis (berühmtes Beispiel: RAF-Mitglieder Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Horst Mahler; siehe dazu hier: http://www.tagesspiegel.de/wissen/akten-der-studienstiftung-zu-raf-mitgliedern-aus-hochbegabten-wurden-terroristen/14487558.html).

Erst im Laufe des Lebens gesellt sich bei psychisch gelösten Hochbegabten zum ausgeprägten Gerechtigkeitssinn eine größere Toleranz. Diese beginnt biographisch meist mit einer größeren Nachsicht sich selbst gegenüber – reifender Selbstliebe – und weitet sich aus auf andere. Die Axiome, die ihrem Gerechtigkeitssinn zu Grunde liegen, werden vielfältiger und komplexer und mit umfangreichen Ausnahmen versehen.

Geschieht dies nicht, können Hochbegabte leicht als „Rechthaber“, „Moralapostel“ oder „Regelfanatiker“ wahrgenommen werden.

Manchmal ist der Grad dazwischen – je nach Umfeld – auch äußerst schmal: Auch gelöst lebende Hochbegabte können sich durch ihren Gerechtigkeitssinn unbeliebt machen, wenn andere dadurch aus ihrer Bequemlichkeit aufgeschreckt werden und sich angegriffen fühlen. Das kann schnell zu Verunsicherung auf Seiten des Hochbegabten führen.

Hier ist wichtig, stabile Beziehungen aufzubauen, sich selbst immer besser kennen und lieben zu lernen.

Kurz zusammengefasst: Als Kinder entwickeln Hochbegabte schneller und weit tiefgreifender als ihre Altersgenossen abstrakte moralische Prinzipien, nach denen sie ihre eigenen Handlungen und Entscheidungen und andere beurteilen. Das kann gefährlich sein, wenn durch biographische Umstände psychisch ungesunde Wertvorstellungen geprägt werden. In jedem Fall sollten die Prinzipien, denen wir als Hochbegabte folgen, im Laufe unserer persönlichen Entwicklung immer komplexer (und dadurch weniger rigide) und ihre Basis immer mehr von Liebe sich selbst und anderen gegenüber geprägt werden. Wirst du als Hochbegabter als „Gerechtigkeitsfanatiker“ wahrgenommen, kann das je nach den Umständen ein Kompliment oder ein Hinweis auf Prinzipien, die auf ungesunden oder zu eingeschränkten Wertvorstellungen beruhen, sein.

Was bedeutet das für mich als gerechtigkeitsliebende Person?

Wenn du an dir selbst einen besonders ausgeprägten Gerechtigkeitssinn festgestellt hast und/oder dich erinnerst, als Kind besonders gerechtigkeitsliebend gewesen zu sein, kann das ein wichtiger Hinweis auf deine Hochbegabung sein. Es bedeutet aber vor allem, dass du die deinen Handlungs- und Bewertungsprinzipien zu Grunde liegenden Wertmaßstäbe regelmäßig gründlich prüfen solltest, um in diesem Punkt in dir zu ruhen. Damit du ganz entspannt unterscheiden kannst, ob das nächste Mal, wenn dich jemand einen Moralapostel oder Regelfanatiker nennt, ein schönes Kompliment für dich ist oder dir Anlass geben sollte, in dich hineinzuspüren, ob du dir noch mehr Selbstliebe entgegenbringen darfst.

Antje Heyer